Aus einer kleinen Holzhütte, die Berggängern, Säumern und auch Schmugglern einst als Unterkunft diente, wurde eine etwas grössere Berghütte und in den Sechzigerjahren dann ein stattliches Steinhaus. «Damals wurde die Corvatschbahn gebaut und mein Vater hoffte auf die vielen Gäste, die zu uns kommen würden», erzählt Claudia. Die Gäste kamen in Scharen: Claudias Eltern hatten mit dem Restaurant und den acht Mehrbettzimmern alle Hände voll zu tun.

«Es war einfach wunderbar», erinnert sie sich an ihre Kindertage auf der Hütte. «Mein Bruder und ich packten morgens unsere kleinen Rucksäcke mit Proviant und brachten sie abends mit Steinen gefüllt wieder zurück. Es gab keinen Winkel zwischen dem Corvatsch, dem Val Roseg und dem Hahnensee, den wir nicht kannten. Wir hatten den schönsten Spielplatz der Welt!»

Die Beliebtheit der Fuorcla Surlej hatte schon immer mit ihrer unvergleichlichen Lage zu tun: west- und nordwärts blickt man auf den Silvaplanersee, den Julierpass und hinüber auf den Piz Nair. Im Osten leuchten abends die Gipfel hoch über Pontresina im goldenen Licht und südwärts ist das Panorama der Berninagruppe mit dem Tschiervagletscher zum Greifen nah.

Als Claudia erwachsen wurde, entschied sie sich, nach Zürich zu ziehen und Juristin zu werden. «Es war wohl mein Gerechtigkeitssinn, dem ich so zum Durchbruch verhelfen wollte – und auch etwas post-pubertärer Freiheitsdrang,» lächelt sie, die nach dem Studium das Zürcher Anwaltspatent erwarb, «obwohl ich nicht immer die Bravste war», wie sie vielsagend beifügt. 

Ein Schicksalsschlag brachte sie dann auf die Fuorcla zurück: «Mein Vater starb viel zu früh und meine Mutter war mit dem Betrieb plötzlich allein.» Claudia machte nach dem Anwalts- auch noch das Wirtepatent und kam wieder heim. Bereut hat sie diesen Schritt nie: «Die Fuorcla war immer ein Teil von mir. Ich wusste, dass ich hierbleiben würde. Ich gehöre einfach hierher.»
 

Seit dem Umbau vor einem halben Jahrhundert wurde die Hütte gut unterhalten, sie hat aber keine grossen Änderungen mehr erfahren. Das Plumpsklo ist genauso erhalten geblieben wie der Holzofen in der gemütlichen Gaststube und der Holzherd in der Küche. Die Fuorcla ist eine echte Berghütte und das sieht man auch auf der Speisekarte: Hausgemachte Gerstensuppe, Kartoffelsalat und Spiegeleier mit Speck gehören zu den beliebtesten Speisen. Bezahlt wird hier noch mit Barem und zur Nusstorte gibt es dann einen starken Nescafé. «Genügend Strom für eine Kaffeemaschine liefern meine Solarzellen nicht», sagt sie dazu. Und geradlinig wie immer fügt sie an: «Latte Macchiato mit Mandelmilch gibt es an genügend anderen Orten.»

«Hier zu leben und zu arbeiten, ist manchmal auch knallhart.»

Claudia Rähmi

Claudia hat viele Stammgäste bei Einheimischen und Feriengästen, die teilweise seit Jahrzehnten zu ihr kommen. In den letzten Jahren sieht sie auch immer mehr junge Leute auf der Fuorcla. «Auf meiner Terrasse gibt es keinen DJ, das Essen muss man sich drinnen holen, aber die Leute hier sind alle entspannt.» Das liegt wohl auch daran, dass hier alle Gäste gleichbehandelt werden. Echte VIPs schätzen das sehr. 


Abends, wenn die letzten Gäste weg sind und es dunkel wird, geniesst Claudia Rähmi dann die Ruhe in ihrem ganz persönlichen Paradies. «Ich bin gerne allein, aber nie ohne Hund», sagt sie. Hündin Janis, benannt nach der Rock- und Bluessängerin Janis Joplin, ist immer dabei, wenn Claudia nach draussen geht. Seit Jahrzehnten macht sie Yoga, im Tal reitet sie gern ihre eigene Araberstute und in den ruhigen Herbstwochen sieht man sie auch auf der Jagd. «Bewaffnete Spaziergänge», schmunzelt sie dazu. 


In der Winter- und der Sommersaison hat sie dann kaum mehr Zeit für Hobbies, denn die Hütte macht eine ganze Menge Arbeit. «Die Leute lieben diesen Ort, denn sie kennen ihn fast nur bei Sonnenschein», sagt Claudia. «Aber hier zu leben und zu arbeiten, ist manchmal auch knallhart.» Trotz des Feuers im Kachelofen sinken die Temperaturen auch im Haus manchmal auf den Nullpunkt und lassen die Zahnpasta schon mal in der Tube gefrieren. Im Winter gibt es Sturmtage, an denen sich niemand auf die Fuorcla verirrt. Arbeit fällt trotzdem immer an.

«Die Fuorcla ist mein Zuhause, ich bleibe hier, so lange ich kann und es mir Freude macht.»

Claudia Rähmi

Übernachtungsgäste nimmt Claudia seit ein paar Jahren keine mehr auf. Schon die Gastwirtschaft ringt ihr einen Zwölfstundentag ab und andere in ihrem Alter sind längst in Pension. Auf die Frage, wie lange sie das noch machen wolle, sagt sie: «Die Fuorcla ist mein Zuhause, ich bleibe hier, so lange ich kann und es mir Freude macht.» Wer die Fuorcla Surlej kennt, kann sie sich ohne Claudia Rähmi nicht vorstellen. Und wer Claudia kennt, hofft, dass sie noch viele Jahre auf ihrer Fuorcla sein wird.