Die Verschiebung der Spiele auf 2021 war eine Erleichterung
Nicola Spirig

Nach der Geburt ihres dritten Kindes begann sie 2019 die Vorbereitung auf ‹Tokio 2020›. Spirig setzte noch einmal alles auf die Karte ‹Olympia›. Dann kam die Pandemie und mit ihr die grosse Unsicherheit.

«Die Verschiebung der Spiele auf 2021 war eine Erleichterung», erinnert sie sich. Solange nicht ganz sicher war, ob die Spiele nicht doch noch 2020 stattfinden, musste sie ihr Training in der vollen Intensität fortführen. «Nicht alle haben das damals verstanden. Die Pandemie hat alles in Frage gestellt, viele bangten um ihre Arbeit und ihre Gesundheit – und ich ging trainieren. Aber ich bin ein Profi. Das ist mein Job.»

Für den Entscheid, auch 2021 in Tokio anzutreten, liess sich Spirig dann Zeit: «Ich betreibe meinen Sport nicht allein. Nur wenn meine Familie, mein Coach, meine Sponsoren und mein ganzes Umfeld mitziehen, kann ich ein Unternehmen wie Olympische Spiele angehen.» Erst als klar war, dass alle wieder mit dabei sind, konnte das Abenteuer Tokio für Spirig zum zweiten Mal beginnen.

Spirigs Ehemann Reto Hug war einst selber Europameister und Vizeweltmeister im Triathlon. 2012 trat er vom Wettkampfsport zurück und gründete mit Spirig eine Familie. Er betreut heute die mittlerweile drei Kinder und veranstaltet zusammen mit seiner Frau seit 2014 den ‹Kids Cup by Nicola Spirig›, eine Nachwuchsserie für Kinder zwischen fünf und vierzehn. «Ohne Reto müsste ich gar nicht erst versuchen, weiter an der Weltspitze zu bleiben», sagt Nicola Spirig zur Bedeutung ihres Mannes in ihrer Karriere und ihrer Familie. «Wenn ich weiss, dass er zuhause bei den Kindern ist, gehe mit einem guten Gefühl ins Training.»

Der Beruf der Triathletin mag unkonventionell sein, Nicola Spirig sieht sich aber nicht anders als andere berufstätige Mütter. «Die Pandemie hat vieles verändert, aber die wichtigen Dinge in meinem Leben sind gleichgeblieben. Früher war alles in meinem Leben dem Sport untergeordnet, heute stehen die Kinder ganz oben.» Sohn Yannis (7) geht mittlerweile zur Schule und so werden die Trainingspläne auch mal um die Stundenpläne herum organisiert. «Und wenn die Kinder krank sind, schlafe ich wie jede andere Mutter halt weniger und gehe dann trotzdem trainieren.»

Der "Corona-Sommer"

Der ‹Corona-Sommer› 2020 brachte auch für die Familie Spirig viele Umstellungen. Die Schulen waren geschlossen, so dass Yannis seinen Schulunterricht zuhause machte. «Wir hatten aber den Vorteil, dass ich vor allem von zuhause aus trainierte, weil die Trainingslager im Süden und die meisten Wettkämpfe sowieso ins Wasser fielen.»

Da auch viele Sponsoren- und Medienverpflichtungen ausfielen, blieb Nicola Spirig mehr Zeit für ihre Familie. Eine sehr wertvolle Erfahrung: «Wir konnten viel zusammen unternehmen. Viele kleine Dinge waren dabei. Spaziergänge im Wald oder kleine Ausflüge in die nähere Umgebung. Und erstmals seit Jahren konnten Reto und ich wieder einmal zusammen auf dem Rad trainieren.»

Aber die Gemütlichkeit war nur von kurzer Dauer. Wer olympische Medaillen vor Augen hat, darf im Training nicht nachlassen. So waren die Herbstferien im Engadin für die Kinder ein Familienurlaub und für Nicola ein Trainingslager mit Familienanschluss. In gewohnter Manier stellte Coach Brett Sutton Tag für Tag ein neues Programm für Nicola zusammen.

«Brett schaut sich jedes meiner Trainings an oder will von mir genaues Feedback. Erst dann entscheidet er, was wir am nächsten Tag machen», sagt Spirig dazu. «Bei drei Trainingseinheiten pro Tag wird es schwierig, eine Ferienwoche im Voraus zu planen.» Dennoch konnte die Familie viel zusammen unternehmen und die gemeinsame Zeit im Engadin geniessen. Im Winter sei die grosse Herausforderung, die Intensität des Trainings hoch zu halten, sagt Spirig. «Die Trainingslager und die Wettkämpfe fehlen mir.»

Es gibt keinen schöneren Ort, um zu laufen
Nicola Spirig

Bis im Frühsommer wird Nicola Spirig wohl vor allem im Raum Zürich und im Engadin trainieren: Schwimmen im St. Moritzer Sportzentrum Ovaverva, Radfahren auf den Strassen zwischen Champfèr, Silvaplana und Maloja und Laufen auf der 400-Meterbahn und in den Wäldern rund um St. Moritz. «Es gibt keinen schöneren Ort, um zu laufen», schwärmt Nicola Spirig. «Und das Höhenklima tut mir einfach gut.»

Tokio wird aber zur Hitzeschlacht werden. Erwartet werden bis zu 40 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit. Das genaue Gegenteil des Engadiner Höhenklimas. Vor den Spielen steht deshalb ein Hitzecamp in Südkorea auf dem Programm. Für Tokio habe sie sich vorgenommen, noch einmal alles zu geben, sagt sie, auf ihre Ambitionen angesprochen.

Für Nicola Spirig sind 2021 aller guten Dinge drei: Drei Kinder, drei Disziplinen und hoffentlich die dritte Olympiamedaille. Was danach in ihrem Leben passiert, weiss sie noch nicht: Tokio würden ihre letzten Olympischen Spiele sein, sagt sie und lacht: «Aber das habe ich in Rio auch schon gesagt.»

www.nicolaspirig.ch